1. Troublemaker
2. We Forgotten Who We Are
3. Fantastic Justice
4. Bastogne Blues
5. Of a Lifetime
6. Burning Bridges (Hidden Track)
Manchmal gibt es sie ja. Die Alben, die einen, ohne Widerstand zu ermöglichen, wochenlang an die Anlage fesseln. Die alle anderen für eine gewisse Zeit obsolet machen. Die einen völlig unvorbereitet treffen und bald einen für das soziale Umfeld bestimmt sehr nervigen Missionseifer erwecken. "The Ressurrectionists / Night Raider", ein mit Box und 47-seitigem Booklet prächtig ausgestaltetes Doppelalbum, war 2009 so ein Fall. Ein Lobgesang auf David Gilmour-Soli, trunkener, knorriger Folkrock, ein Schwertransporter des Unglücks und eine Asphaltspaltenblume der Hoffnung zugleich. Nun, ein gutes Jahr später veröffentlichen CBP "I, Vigilante" als Überbrückungsrelease bis zur kommenden dritten Full Length und ich erlebe ein höchst erfreuliches Déjà-vu.
Der textliche Schwerpunkt liegt bei "I, Vigilante" auf Geschichte, Geschichtsbewusstsein, Geschichtsaufarbeitung, die Songs umweht eine Aura vergangener Zeiten. Es ist dabei nie eine bloße Rekonstruktion von Schauplätzen, vielmehr wird aus der aufgebauten Umgebung und ihren Begleitumständen etwas viel Wichtigeres, Universelles, Zeitloses herausdestilliert - Verzweiflung, ja, wirkliche Hoffnung eher selten, aber in jedem Moment der Unwille, sich mit den gegebenen Umständen einfach so abzufinden, Appell, Aufbegehren, Widerstand. Und Liebe, selbstverzehrende, grausame Liebe zum Leben, das Abhängigkeitsverhältnis vom unermesslichen Wert dessen, was man bewundert und von dem man sich nicht kampflos trennen will, und der eigenen Wertlosigkeit. Ergreifend, im bestmöglichen Sinne pathetisch. Und diese Herangehensweise überträgt sich sogar auf die Musik.
Wirklich abgeebbt ist dieser Retrotrend in der zeitgenössischen Rockmusik ja eigentlich nie, und auf dem ersten Blick lassen sich auch Crippled Black Phoenix mittlerweile als Vertreter dieser Bewegung bezeichnen. Der feine Unterschied: CBP zitieren nicht, sie ironisieren nicht, sie spielen auch kein Heldentribut und lassen die Musik, die teils überdeutlich für sie Pate stand, einfach unhinterfragt. "Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.", um an dieser Stelle wie die Band selbst bei "We Forgotten Who We Are" George Santayana zu zitieren. Was man hier hören kann, ist eine Neuschreibung scheinbar unveränderlich in Stein gemeißelter Rockklassiker, nur diesmal ohne Muckertum, rivalisierende Egos, Testosteronüberschuss und Zeitgeist.
Der Opener "Troublemaker" verbindet "Animals"-Pink Floyd mit grobschlächtig rumpelndem Deep Purple-Hardrock und ist der optimistische Rettungsanker inmitten des flutenden Wassers und des Blutes der Kriegsgefallenen, aus dem man luftschnappend seinen Kopf streckt.
Mit "We Forgotten Who We Are" folgt dann das eigentliche Herz dieser EP. Nach dem wässrig glitzernden Klavierintro erhebt sich das Stück mit einem unnachgiebigen, unbeirrbaren Rhythmus, unter der Last von Joe Volks Gesang fühlt man sich unweigerlich schuldig. Das Klavier hämmert neben den durch den Morast stampfenden Drums. Der Gesangseinsatz bei ungefähr vier Minuten schließlich ist der vielleicht atemberaubendste Part des Songs; der Vorwurf in Volks Ton so schmerzhaft gegen die Wand drückend, das flehende Fragen so eindringlich, das atemlose Übergehen der Worte in einen konstanten Melodiefluss so sehr Vertonung von stream of consciousness, dass man, ehe man unter dem Druck endgültig zusammenbricht, mit unerschutterlicher Überzeugung Joe Volk dahin folgt, wohin sein Arm zeigt. Das Crescendo ist rauschend, dramatisch; sturzbachartig fallen Klavier, Drums, Hammond-Orgel und Kometenschweifgitarren übereinander, bis plötzlich nur noch eine friedliche Ruhe zurückbleibt. Gospelartige Frauenchöre, nostalgisch-traurige Farbtupfer von Klavier und Cello, eschöpft dahinschlurfende Drums, alles vorbei. Doch dann, in der Minute, die dem Song noch bleibt, richtet er sich wieder auf, um seinen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, heulend solierende Gitarren legen sich wieder auf das unverändert bleierne Rhythmusfundament, mit tränenblinder Entschlossenheit marschiert er dahin, bis das Stück nach 10:47 Minuten plötzlich und viel zu früh endet.
Nahtlos schließt das Klaviermotiv von "Fantastic Justice" daran an. Das Stück ist weniger zerstörerisch und tragisch als sein Vorgänger, aber mindestens genauso kraftvoll und entschlossen. Mit einem überlegenen Lächeln und irrationaler Siegesgewissheit zieht man nun in den Kampf, sein Mut entwächst dem Zerfall um ihn herum. Immer weiter schaukelt es sich hinauf, seinen Gipfel bildet ein episches Zusammenspiel aus Rockband-Intrumentierung, der bekannten Klaviermelodie, Hammond-Orgeln und sehr dominanten Trombonen.
Nach der Erhebung folgt mit "Bastogne Blues" der Niedergang. Eingeleitet von einem Sprachsample eines traumatisierten Kriegsveterans, versetzen Text und Musik einen in das Geschehen der Ardennenoffensive und die kriegszerstörte Kulisse der kleinen französischen Stadt Bastogne, aus einfachen, trägen Akkorden entsteht gravitätischer Folkrock. Über dem Schauplatz liegt eine gespenstische Totenruhe, die angesprochene countryeske Tonfolge, langsames Drumming und im Hintergrund flirrende Godspeed You! Black Emperor-Gitarren bilden das musikalische Fundament für Joe Volks Gesang. Es ist ein eigentlich sehr schwacher und gebrochener, nicht einmal weit in den Vordergrund gemischter Gesang, fast schwindsüchtig scheinend unter der Wucht, die die Kompositionen von CBP teilweise entwickeln, und inmitten von Nick Drake'schem Songwriterminimalismus vielleicht sogar besser aufgehoben als hier - aber doch so charismatisch, niemand könnte die vermittelte Stimmung besser tragen und artikulieren. Im Verlauf des Songs schält sich eine ernste und erhabene, üppig orchestrierte Melodie heraus, die "Bastogne Blues" schließlich krönt.
Abgeschlossen wird "I, Vigilante" von zwei Coverversionen, dem größenwahnsinnig melodramatischen "Of A Lifetime" (Journey) mit Daisy Chapman am Mikro und dem sehr seltsamen Cover von The Mike Curb Congregation - Burning Bridges (eventuell bekannt durch den Film "Kelly's Heroes"), welches nach einem gemeinsamen Häkelnachmittag von ABBA und Andrew Lloyd Webber klingt und sich zumindest ganz gut dafür eignet, Leute, die immer noch denken, die Band spiele Post-Rock, in die Flucht zu treiben (wenn sie dies nicht schon beim Song davor getan haben).
Ich habe ein wenig Angst, nach dieser Verbalorgie zwischen Superlativen und Märchentantenquatsch endgültig als nicht mehr zurechnungsfähig zu gelten, vor allem aber frage ich mich, was ich erst machen soll, wenn sich der Trend bei CBP, jede Veröffentlichung mit der folgenden deutlich zu übertreffen, fortsetzt. Crippled Black Phoenix spielen für mich die schönste, emotional aufrüttelndste und wahrhaftigste Rockmusik seit der Jahrtausendwende und sind auf dem Weg zur aktuell besten Rockband des Planeten. Mark my words!
Die ganze EP (mit Ausnahme von "Burning Bridges") im Stream


Bereiche
Aktueller Poll
Kategorien
Neue Kommentare
Neueste Forenbeiträge
Artikel bewerten